Was Sportfotografie für mich bedeutet

Bei Tanz- und Sportfotografie geht es für mich um den Menschen in Bewegung. Ich darf Menschen bei etwas fotografieren, das sie gerne machen und für das sie häufig seit vielen Jahren trainieren. Die Art der Bewegung kann dabei fotografisch eine Herausforderung sein, aber auch zu wunderbaren Bildern führen.

Wenn Tänzerinnen, Tänzer oder Sportler vor der Kamera zeigen möchten, was sie können, müssen wir sehr schnell zu einem kleinen Team werden. Vertrauen und vor allem Kommunikation sind dabei sehr wichtig. Darüber hinaus muss ich wissen, oder manchmal auch erst lernen, was für die jeweilige Bewegung entscheidend ist. Ich muss einschätzen können, was gleich passieren wird, wann der richtige Moment kommt und was für die Person vor meiner Kamera wichtig ist. Kommunikation ist dabei das A und O.

Eine interessante Gemeinsamkeit von Tanz und Sport liegt für mich im Umgang mit Bewegung: Bei einer Tanzvorstellung oder einem sportlichen Wettkampf zählt der gesamte Ablauf. In der Fotografie bleibt davon am Ende ein einziger Augenblick. Genau dieser Moment muss stimmen. Was in den Sekunden davor oder danach passiert, sieht man auf dem Foto nicht.

Die meisten der hier gezeigten Fotos sind daher inszenierte Bilder und keine Schnappschüsse. In der Regel stimmen wir die Art der Bewegung, den genauen Ort, das Licht und den entscheidenden Moment vorher gemeinsam ab, sodass möglichst wenig dem Zufall überlassen wird.

Was auf einem guten Foto leicht und selbstverständlich aussehen kann, ist oft das Ergebnis von sehr viel Arbeit, Ausdauer und Körperbeherrschung. Dabei muss niemand Weltmeisterin, Profitänzer oder Leistungssportlerin sein, um vor meiner Kamera zu stehen. Jeder Mensch bringt andere Voraussetzungen und Fähigkeiten mit. Mir ist wichtig, Bilder entstehen zu lassen, die zu den jeweiligen Fähigkeiten passen, gut aussehen und auf die man gerne zurückblickt. Die vielen außergewöhnlichen Tänzerinnen, Tänzer, Sportlerinnen und Sportler auf meiner Website sollen deshalb niemanden davon abhalten, selbst ein Shooting zu machen.

Leah Grießer, Kunstturn Region Karlsruhe (TG Neureut), Kunstturnen

„Momente“ – 53 Sportlerinnen und Sportler des BTB vor meiner Kamera

Ein besonderes und umfangreiches Projekt meiner Sportfotografie entstand gemeinsam mit dem Badischen Turner-Bund. Für das Fotoprojekt „Momente“ fotografierte ich insgesamt 53 Athletinnen und Athleten aus 19 badischen Turn- und Sportvereinen. Darunter waren erfolgreiche Spitzensportlerinnen und Spitzensportler ebenso wie junge Nachwuchstalente. Ziel des Projekts war es, bekannte und weniger bekannte Sportarten künstlerisch in Szene zu setzen (Flyer zur Ausstellung).

Die Bandbreite der Sportarten war entsprechend groß. Einige davon kannte ich gut, andere, wie beispielsweise Ringtennis, waren für mich zunächst völlig neu. Und genau da begann ein wichtiger Teil meiner fotografischen Arbeit schon lange vor dem eigentlichen Shooting. Ich schaute mir Videos der jeweiligen Sportarten an, um ein Gefühl für die Bewegungsabläufe, die Geschwindigkeit und vor allem den entscheidenden Moment zu bekommen. Manchmal saß ich sogar zu Hause mit der Kamera vor der Leinwand und übte an den Videos den richtigen Zeitpunkt zum Auslösen. Wenn eine Bewegung nur für den Bruchteil einer Sekunde so aussieht, wie ich sie fotografieren möchte, hilft es wenig, erst beim Shooting herausfinden zu wollen, wann dieser Moment kommt.

Das Fotostudio kam zu den Sportlern

Für „Momente“ kamen die Sportlerinnen und Sportler nicht zu mir ins Studio. Ich fuhr zu ihnen. Fotografiert wurde dort, wo sie ihren Sport ausübten: in Turnhallen, Schwimmbädern und draußen in der Natur.

Dabei sollten die jeweiligen Sportstätten in den Bildern durchaus erkennbar bleiben. Markierungen auf dem Hallenboden oder andere Details durften zeigen, dass die Aufnahmen dort entstanden, wo die Sportlerinnen und Sportler trainieren und sich zu Hause fühlen, statt in einem sterilen Fotostudio.

Gleichzeitig verwandelte ich diese sehr unterschiedlichen Orte für die Aufnahmen in temporäre Fotostudios. Mit großen Mengen schwarzen Moltons reduzierte ich die vorhandene Umgebung und schuf einen ruhigen Hintergrund für die Bewegung. Hinzu kamen etliche Blitzgeräte und die übrige Fotoausrüstung.

Bei manchen Sportarten war das vergleichsweise einfach. Bei anderen wurde schon der Aufbau zu einer Herausforderung. Einen schwarzen Hintergrund hinter einem Turner aufzubauen ist das eine. Bei einem Trampolin oder beim Turmspringen bekommt das Ganze plötzlich ganz andere Dimensionen. Dafür waren entsprechend große Mengen Molton und teilweise sehr hohe Stative erforderlich.

Einige Making-of-Bilder zeigen, wie es hinter den fertigen Fotografien aussah und welcher Aufwand teilweise hinter den Aufnahmen steckte.

Die Arbeit vor Ort hatte aber einen entscheidenden Vorteil: Die Sportlerinnen und Sportler konnten ihre Bewegungen dort zeigen, wo sie trainierten und die notwendigen Geräte und Bedingungen vorhanden waren. Meine Aufgabe war es, aus diesen Orten für kurze Zeit die fotografische Bühne für ihren Sport zu machen. Die inszenierten Bilder dieser künstlerischen Sportfotografie entstanden in enger Abstimmung mit den Sportlerinnen und Sportlern und ihren Trainerinnen und Trainern.

Vom Sportmoment zur Ausstellung

Entstanden sind sehr unterschiedliche Fotografien, die dennoch einer gemeinsamen Idee folgen: Nicht der Wettkampf oder das Ergebnis standen im Mittelpunkt, sondern der besondere Moment einer Bewegung und die Menschen, die sie beherrschen.

2016 wurden die Arbeiten unter dem Titel „Momente“ im Haus des Sports in Karlsruhe ausgestellt. Begleitend zur Ausstellung erschien der Fotokalender „Badischer Turner-Bund 2017“ mit Bildern aus dem Projekt.  

Über die Ausstellung berichtete im Dezember 2016 auch DER KURIER:

Zeitungsartikel „Faszinierende Impressionen“ im KURIER ansehen →

Bilder in der Galerie ↓

Making-of, Badischer Turner-Bund 2017, Fotos: Bernd Hentschel, Verena König, Michael Akstaller, Jenny Faulhaber
Leah Grießer, Kunstturnen

Tricking – Bewegung und Moment in einem Bild

Beim Tricking stieß ich auf eine fotografische Frage, die meine Arbeit später noch stark beeinflussen sollte. Anders als bei vielen klassischen Sportarten gibt es hier nicht unbedingt den einen entscheidenden Moment, auf den alles zuläuft. Eine Bewegung entwickelt sich aus der vorherigen, verschiedene Elemente gehen ineinander über und der Flow ist ein wichtiger Teil dessen, was Tricking ausmacht. Darin gibt es durchaus Parallelen zu Breakdance und Streetdance.

Ein einzelnes, mit kurzer Belichtungszeit eingefrorenes Bild konnte zwar einen spektakulären Augenblick zeigen, erzählte für mich aber zu wenig von der Bewegung selbst. Also begann ich zu experimentieren: Wie kann ich Bewegung und einen präzisen Moment gleichzeitig in einem Foto sichtbar machen?

Die Lösung fand ich in der Kombination von längeren Belichtungszeiten und Blitzlicht. Während die längere Belichtung einen Teil des Bewegungsablaufs im Bild sichtbar lässt, friert der Blitz einen kurzen Moment innerhalb dieser Bewegung scharf ein. So können in einer Aufnahme gleichzeitig Bewegungsfluss und ein klar definierter Augenblick entstehen.

Was damals beim Tricking als Experiment begann, habe ich später immer wieder in meiner Tanzfotografie aufgegriffen und weiterentwickelt. Heute gehört diese Verbindung von Bewegungsunschärfe und eingefrorenem Moment zu den fotografischen Mitteln, die meine Bilder immer wieder prägen.

Eine Besonderheit dieser Technik ist, dass ich beim Druck auf den Auslöser noch gar nicht genau weiß, wie lange die Aufnahme dauern wird. Anders als bei einer normalen Aufnahme muss ich während der Bewegung entscheiden, wann der richtige Moment gekommen ist, den Blitz auszulösen und die Belichtung zu beenden. Auch dabei muss ich die Bewegung vor der Kamera verstehen und vorausahnen können.

Eine Begegnung mit Folgen

Bei den Tricking-Shootings lernte ich auch Dominik Höß kennen. Damals stand er als Tricker vor meiner Kamera. Viele Jahre und etliche gemeinsame fotografische Projekte später begegnet er auf dieser Website an ganz anderer Stelle wieder: als Tänzer und Choreograf des Ensembles Kiesecker | Höß, unter anderem bei „Füße unterm Tisch“.

[Zur Story: Wie die Plakatbilder für „Füße unterm Tisch“ entstanden →]

Die Fotografien aus diesen ersten Tricking-Shootings sind für mich übrigens keineswegs nur alte Versuche. Einige der Bilder zeige ich bis heute gerne in Ausstellungen. Sie waren unter anderem am Skulpturenweg, bei meiner fortlaufenden Ausstellung „Freiflug – aus dem Käfig auf die Straße“ am Zaun der Roten Taube und bei „Im Licht 2026 zu sehen.

[Bilder in der Galerie ↓]

Ruben Schubert

Galerie "Momente", Badischer Turner-Bund

Leah Grießer, Kunstturn Region Karlsruhe (TG Neureut), Kunstturnen
Annika Drescher, TV Nöttingen, Trampolinturnen
Sila Asena Öztürk, TV Lahr, Rhythmische Sportgymnastik
Kaja Winke Hadenfeld, TV Kollnau-Gutach, Kunstspringen (Schwimm-Fünfkampf)
Eric Donath, KTG Heidelberg, Kunstturnen
Making-of, Badischer Turner-Bund 2017, Fotos: Bernd Hentschel, Verena König, Michael Akstaller, Jenny Faulhaber
Cornelia Wörz, Leonie Hilbert, Lea Trummer und Selina Bitz, TSG Seckenheim, Rope Skipping
Pauline Tratz, Kunstturn Region Karlsruhe, (TSV Weingarten), Kunstturnen
Caroline Eble, TV Konstanz, Kunstspringen (Jahnwettkämpfe)
Timo Hufnagel, TV Kieselbronn, Ringtennis
Matthias Aichele, Bonnie Schimmeck und Adrian Breisacher, Gundelfinger Turnerschaft, Orientierungslauf

Galerie Tricking und Akrobatik

Ruben Schubert
Sarah Klopstein
Dominik Höß
Ruben Schubert
Dominik Höß
Ruben Schubert