Was macht ein Künstlerporträt besonders?

Ein Künstlerporträt ist für mich mehr als ein Porträt eines Menschen, der Künstler ist. Es soll etwas von der Person zeigen, aber auch etwas von ihrer Kunst, ihrer Arbeit und der Art, wie sie sich ausdrückt.

Wie das geschieht, kann sehr unterschiedlich sein. Bei einer Tänzerin kann Bewegung Teil des Porträts werden, bei einer Musikerin ihr Instrument, bei Schauspielerinnen und Schauspielern vielleicht eine Rolle oder ein bestimmter Ausdruck. Manchmal ist die Verbindung zur Kunst ganz offensichtlich, manchmal nur angedeutet. Die Kunst muss im Bild nicht erklärt werden, aber sie darf darin spürbar sein.

Genauso kann es aber sein, dass eine Künstlerin oder ein Künstler einfach als Mensch fotografiert werden möchte. Niemand möchte immer nur auf den Beruf, die Kunst oder die Rolle reduziert werden. Eine Tänzerin ist nicht immer nur „die Tänzerin“, ein Musiker nicht nur „der Musiker“. Auch das darf ein Künstlerporträt zeigen.

Deshalb gibt es für mich kein festes Schema. Ort, Licht, Kleidung und Umgebung können ebenso Teil der Bildidee werden wie Bewegung, ein Instrument oder andere Dinge, die mit der Arbeit des Menschen vor meiner Kamera verbunden sind.

Anders als bei vielen anderen Porträts spielt die Umgebung für mich dabei meist nicht die Hauptrolle. Ein spektakulärer Sonnenuntergang, ein Strand oder eine bekannte Sehenswürdigkeit können wunderschön sein, aber bei einem Künstlerporträt soll für mich der Mensch im Mittelpunkt bleiben. Meist ist es das Gesicht, manchmal sind es Haltung, Bewegung oder eine Geste, die das Bild bestimmen. Alles andere soll diesen Menschen unterstützen und nicht mit ihm konkurrieren.

Gerade bei Künstlerinnen und Künstlern empfinde ich die Zusammenarbeit als besonders spannend. Sie bringen ihre eigene Erfahrung mit Ausdruck, Bewegung, Musik, Rolle oder Gestaltung mit. Ich bringe meine fotografische Sicht hinzu. Das Künstlerporträt entsteht in der Begegnung dieser beiden Perspektiven.

Regina Greis, Sängerin

Begegnungen mit Künstlerinnen und Künstlern

Künstlerinnen und Künstler stehen mit ihrer Arbeit häufig in der Öffentlichkeit. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie auch gerne vor einer Kamera stehen. Manche sind sehr offen, andere ausgesprochen zurückhaltend. Nicht alle Künstlerinnen und Künstler sind Rampensäue.

Vollkommen fremde Menschen zu fotografieren, fällt mir oft schwer. Ich möchte zumindest ein wenig wissen, wer vor meiner Kamera steht und wie dieser Mensch tickt. Sollen die Bilder eher seriös sein, darf es mutiger werden oder vielleicht auch einmal albern? Deshalb gehört für mich das Gespräch vor dem Fotografieren dazu.

Der vielleicht beste Zugang zu einem Künstler ist für mich seine Kunst. Dafür reicht es nicht, Interesse nur zu zeigen. Es sollte wirklich vorhanden sein. Wenn es möglich ist, beschäftige ich mich deshalb schon vor einem Shooting mit der Arbeit des Menschen, den ich fotografieren werde. Ich schaue mir Bilder oder Aufführungen an, höre Musik oder versuche zumindest zu verstehen, was diesen Menschen an seiner Kunst begeistert.

Dabei muss mir nicht jedes Werk oder jede Form von Kunst persönlich gefallen. Aber sie muss mich interessieren und neugierig machen. Wenn mich weder die Kunst noch der Mensch dahinter wirklich interessieren, bin ich vermutlich auch nicht der richtige Fotograf für diesen Termin. Was mich vollkommen kaltlässt, werde ich kaum mit Begeisterung fotografieren können.

Dieses ehrliche Interesse ist zugleich ein guter Weg, Vertrauen aufzubauen. Man merkt schließlich recht schnell, ob jemand wirklich wissen möchte, was man macht, oder nur ein paar höfliche Fragen stellt. Aus Gesprächen über die eigene Arbeit entstehen außerdem oft ganz nebenbei Ideen für die Bilder. Und manchmal entsteht dabei so viel Vertrauen, dass Fotografien möglich werden, die bei einer rein oberflächlichen Begegnung wahrscheinlich gar nicht entstanden wären.

Natürlich entstehen während eines Shootings immer wieder spontane Ideen. Trotzdem gehe ich nur ungern völlig ohne Plan in einen Fototermin. Zumindest für den Anfang möchte ich wissen, was wir machen wollen. Nur so lassen sich Ort, Kleidung, Make-up oder Dinge, die für die Bilder gebraucht werden, sinnvoll aufeinander abstimmen. Danach darf der Plan gerne über den Haufen geworfen werden.

Gerade bei Schauspielerinnen und Schauspielern habe ich dabei interessante Erfahrungen gemacht. Ein Mensch kann vor der Kamera zunächst sehr schüchtern sein. Sobald er aber in eine Rolle schlüpft, kann sich etwas verändern: Plötzlich sind Ausdruck, Haltung und Präsenz da. Manchmal ist die Rolle deshalb ein guter Weg, sich fotografisch auch dem Menschen dahinter zu nähern.

Bei bildenden Künstlerinnen und Künstlern begegnet mir mitunter eine ganz andere Zurückhaltung. Für sie steht häufig das eigene Werk im Mittelpunkt und nicht die Person, die es geschaffen hat. Manche möchten am liebsten überhaupt nicht selbst fotografiert werden. Dann kann es helfen, gar nicht mit einem klassischen Porträt zu beginnen. Ich fotografiere sie bei der Arbeit, im Atelier oder im Umgang mit ihren Werken. Aus dem Bild eines schaffenden Menschen kann sich dabei ganz nebenbei ein Porträt entwickeln.

Vielleicht ist genau das für mich das Spannende an diesen Begegnungen: Es gibt keinen festen Weg zum Künstlerporträt. Manchmal entsteht es im Gespräch, manchmal in einer Rolle, bei einer Bewegung oder während der Arbeit. Ich muss herausfinden, wie sich der Mensch vor meiner Kamera wohlfühlt und auf welche Weise er sich zeigen möchte.

Norbert Hess, Fotograf
Daniela Michel, Schauspielerin

Tänzerinnen und Tänzer

Tänzerinnen und Tänzer fotografiere ich natürlich besonders häufig. Und auch wenn bei einem Tanzshooting Bewegung, Sprünge oder bestimmte Tanzpositionen im Mittelpunkt stehen, gehört für mich fast immer auch ein Porträt dazu. Manchmal entstehen diese Bilder ganz nebenbei, manchmal nehmen wir uns dafür bewusst Zeit.

Besonders spannend wird es für mich, wenn ich einen Menschen nicht nur einmal fotografiere. Etliche Tänzerinnen und Tänzer kommen über viele Jahre immer wieder vor meine Kamera. Sie verändern sich, entwickeln sich tänzerisch und persönlich weiter und bringen neue Ideen mit. Gleichzeitig verändert sich auch meine Fotografie. So entstehen Bilder, die nicht nur einen einzelnen Moment zeigen, sondern über die Jahre auch etwas von einer gemeinsamen Entwicklung erzählen.

Sarah Kiesecker – gemeinsam gewachsen

Sarah Kiesecker ist vermutlich die Tänzerin, die ich bisher am häufigsten fotografiert habe. Unsere Zusammenarbeit begleitet uns seit vielen Jahren und umfasst inzwischen ganz unterschiedliche Shootings, Aufführungen und gemeinsame Projekte.

Gerade bei Sarah kann ich besonders gut sehen, was eine langjährige fotografische Zusammenarbeit bedeutet. Sie hat sich als Tänzerin und Choreografin weiterentwickelt, neue Ausdrucksformen und Bildideen mitgebracht und stand immer wieder anders vor meiner Kamera. Gleichzeitig habe auch ich mich als Fotograf verändert, neue Techniken ausprobiert und meine eigene Bildsprache weiterentwickelt.

So sind wir in gewisser Weise gemeinsam gewachsen: sie vor und ich hinter der Kamera. Deshalb gibt es von Sarah nicht das eine Porträt, das sie für mich beschreibt. Es gibt viele Bilder aus unterschiedlichen Jahren, und immer wieder entstehen neue.

Gabriela Lang – von den Anfängen bis heute

Gabriela Lang kenne ich bereits seit den Anfängen meiner Tanzfotografie in Karlsruhe. Sie gehört zu den Menschen, von denen ich damals viel über Tanz und darüber gelernt habe, worauf es beim Fotografieren von Tänzerinnen und Tänzern ankommt.

Immer wieder durfte ich auch ihr besonderes Tanzstudio mit seinem charakteristischen grünen Boden für Shootings nutzen. Auf dieser Seite zeige ich unter anderem Bilder von Gabriela aus den Jahren 2010 und 2025. Fünfzehn Jahre liegen dazwischen und trotzdem gehören beide für mich zusammen.

Unsere fotografischen Wege kreuzen sich bis heute regelmäßig. So fotografiere ich Gabriela auch immer wieder mit ihrer Gruppe bei Open Stage, der offenen Bühne im TanzAreal Karlsruhe.

Gerade diese langjährigen Begegnungen zeigen mir, warum ich Künstlerporträts nicht als endgültige Bilder eines Menschen verstehe. Ein Porträt zeigt immer auch einen Zeitpunkt. Der Mensch entwickelt sich weiter, seine Kunst verändert sich und auch der Fotograf hinter der Kamera bleibt nicht derselbe. 

Gabriela Lang (2010) Künstlerin, Choreografin, Tänzerin
Gabriela Lang (2025)
Sarah Kiesecker (2012) Tänzerin, Choreografin
Sarah Kiesecker 2024

Musikerinnen, Musiker und Schauspiel

Bei Musikerinnen und Musikern liegt es zunächst nahe, das Instrument mit ins Bild zu nehmen. Aber ein Künstlerporträt muss deshalb nicht automatisch bedeuten: Musikerin mit Instrument in der Hand. Wie präsent das Instrument im Bild sein soll, kann sehr unterschiedlich sein.

Katrin Ziegler fotografierte ich mit ihrem historischen, wertvollen und entsprechend empfindlichen Violoncello in einem Säulengang. Auf einem der Bilder steht aber nicht das Instrument im Mittelpunkt, sondern Katrin selbst. Das Violoncello ist lediglich unscharf im Hintergrund zu erkennen. Es gehört zu ihr und ihrer Arbeit und damit auch zum Bild, ohne dass es zum eigentlichen Motiv werden muss.

Die Blockflötistin Kristina Schoch kam 2012 zum ersten Mal für Porträts zu mir. Weitere Shootings folgten 2014, 2015, 2016 und 2021. Über neun Jahre entstanden so sehr unterschiedliche Bilder und Bildideen. Dabei ging es nie darum, das einmal gefundene Bild einige Jahre später einfach noch einmal zu fotografieren. Menschen verändern sich, ihre Arbeit entwickelt sich weiter und auch die Vorstellungen davon, wie sie sich zeigen möchten. Gleichzeitig verändern sich meine eigenen Ideen und meine Fotografie.

Anders als bei dem Porträt von Katrin Ziegler spielen Kristinas Instrumente in vielen dieser Fotografien eine deutlich sichtbare Rolle. Mal sind sie eher beiläufig Teil des Bildes, mal werden sie selbst zu einem wesentlichen Element der Bildgestaltung. Auch die Instrumente selbst könnten dabei unterschiedlicher kaum sein: mal winzig, mal beinahe so groß wie die Musikerin. Trotzdem bleibt für mich auch hier Kristina das eigentliche Motiv.

Die kleine Galerie zeigt 16 Fotografien aus fünf Shootings zwischen 2012 und 2021. Zusammen zeigen sie für mich sehr schön, wie unterschiedlich Porträts eines Menschen und seiner Kunst über viele Jahre entstehen können.

Wenn Musikerinnen oder Musiker ein akustisches Instrument zum Shooting mitbringen, bitte ich sie fast immer, auch darauf zu spielen. Das verändert häufig sofort die Situation vor der Kamera. Sie tun etwas, das ihnen vertraut ist, und fühlen sich mit ihrem Instrument ein Stück weit „zu Hause“. Für mich entstehen dabei nicht nur andere Bilder. Ich habe während solcher Shootings auch schon wunderbare kleine Konzerte ganz für mich allein erlebt.

Schauspielerinnen und Schauspieler

Bei Schauspielerinnen und Schauspielern kann die Situation noch einmal ganz anders sein. Gerade hier habe ich Menschen erlebt, die zunächst erstaunlich zurückhaltend oder sogar schüchtern vor der Kamera waren. Sobald sie jedoch eine Rolle annehmen konnten, änderte sich ihre Präsenz manchmal innerhalb eines Augenblicks. Plötzlich war da jemand, der ganz selbstverständlich mit Ausdruck, Haltung und der Kamera spielte.

Dabei ist Fantasie gefragt. Es muss nicht immer eine bereits existierende Bühnenrolle sein. Wir können gemeinsam Figuren, Situationen oder kleine Geschichten erfinden und ausprobieren, was daraus vor der Kamera entsteht. Manchmal ist es für einen Schauspieler leichter, zunächst jemand anderes zu sein, um am Ende ein interessantes Porträt von sich selbst entstehen zu lassen. Manchmal besteht die fotografische Aufgabe aber auch genau im Gegenteil: den Menschen hinter seinen vielen Rollen zu suchen und sichtbar zu machen.

Daniela Michel habe ich über viele Jahre ganz unterschiedlich fotografiert. Zunächst entstanden Porträts von ihr als Schauspielerin und Tänzerin. Später kamen drei Shootings für eigene Theaterproduktionen hinzu. Dabei ging es ganz bewusst um Rollen, Kostüme und starke Bildideen für die späteren Plakate.

Bei „En Suite – Allein mit Audrey Hepburn“, „WHISP€RBLOW€R“ und „Männer und andere (Kata-)Strophen im Leben einer Frau“ wurde aus derselben Schauspielerin vor meiner Kamera drei völlig unterschiedliche Personen.

[Audrey, CumEx und Männer – meine Story über die drei Theaterprojekte mit Daniela Michel →]



Katrin Ziegler, Musikerin
Kristina Schoch, 2012 mit Flöte in geheimnisvollem blauen Licht Kristina Schoch, 2012
Frank Sollmann, Schauspieler

Rollen, Epochen und bildende Kunst

Ein Künstlerporträt kann auch bedeuten, gemeinsam eine ganz andere Welt entstehen zu lassen. Ein besonders schönes Beispiel dafür war für mich die Zusammenarbeit mit Angela Pfenninger in Speyer. Als Volkskundlerin und Expertin für Geschichtsinszenierungen beschäftigt sie sich damit, historische Themen und Persönlichkeiten lebendig werden zu lassen. Dazu gehören auch historische Rollen, in die sie selbst schlüpft.

Für unsere Fotos bedeutete das, dass nicht nur Kleidung, Ausdruck und Rolle stimmen mussten. Auch die Umgebung sollte zur jeweiligen Epoche passen und Teil der Geschichte werden.

So entstanden an einem einzigen Tag sehr unterschiedliche Bildwelten. Mit jeder Epoche wechselten Kleidung, Umgebung und damit auch die fotografische Idee. Wir waren gemeinsam in Speyer unterwegs und suchten für die verschiedenen Rollen Orte, deren Architektur und Atmosphäre zur jeweiligen Zeit passten.

Für die mittelalterlichen Aufnahmen fotografierten wir beispielsweise in einer kleinen Kapelle mit wunderschönen farbigen Glasfenstern. Eigentlich sollten Sonnenstrahlen durch die Fenster fallen und die Farben des Glases auf der Wand sichtbar machen. Nur hatte die Sonne an diesem Tag andere Pläne. Also stellte ich draußen vor einem der Fenster einen Blitz auf ein hohes Stativ und ließ ihn durch das farbige Glas in die Kapelle leuchten. So entstanden die farbigen Lichtflecken im Hintergrund, die wir uns für die Bilder gewünscht hatten.

Auch organisatorisch war unsere kleine Zeitreise durchaus aufwendig. Angela hatte ihre Kleidung für die verschiedenen Epochen an mehreren Orten in Speyer deponiert, damit sie sich unterwegs umziehen konnte. Ganz ohne helfende Hände ging es deshalb weder bei ihr noch bei mir.

[Bilder einer Zeitreise mit Angela Pfenninger]

Bildende Künstlerinnen und Künstler

Bei bildenden Künstlerinnen und Künstlern entsteht ein Porträt oft auf ganz andere Weise. Viele von ihnen möchten gar nicht besonders gerne selbst vor der Kamera stehen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen schließlich ihre Bilder, Skulpturen oder Objekte und nicht die eigene Person.

Dann fotografiere ich sie gerne dort, wo ihre Kunst entsteht: im Atelier, bei der Arbeit oder gemeinsam mit ihren Werken. Statt jemanden einfach vor die eigenen Bilder zu stellen und um ein Porträt zu bitten, kann ich zunächst beobachten, wie dieser Mensch arbeitet und mit seinen Materialien und Werken umgeht. Oft entstehen gerade dabei Aufnahmen, die viel mehr über die Person erzählen.

Zeitreise mit Angela Pfenninger
Natlie Ann Löffler, Künstlerin

Galerie Künstlerporträts

Volha Kastsel, Tänzerin und Choreografin

Frank Sollmann, Schauspieler
Marie Fofane, Musikerin
Norbert Hess, Fotograf
Hendrik Pape, Schauspieler
Nadine Knobloch, Schauspielerin
Alexander Voss, Sänger
Steffi Bär, (Spingies) Musikerin
Matthias Markstein, Tänzer
Sabine Pröbstl, Tänzerin
Regina Greis, Sängerin
Natlie Ann Löffler, Künstlerin
Mirjam Frey, Tänzerin
Renate Schweizer, Künstlerin
Regina Greis, Sängerin

Kristina Schoch (2012, 2014, 2015, 2016 und 2021)

Zeitreise mit Angela Pfenninger