Füße unterm Tisch, Kiesecker | Hoess Füße unterm Tisch

Füße unterm Tisch vom Ensemble Kiesecker | Hoess

Wenn oben und unten verloren gehen

Manche Fotos beginnen nicht im Studio, sondern bei einem Getränk im Biergarten. So war es auch bei den Bildern für „Füße unterm Tisch“ des Ensembles Kiesecker | Hoess.

Bei einem ersten Treffen mit Sarah Kiesecker und Dominik Höß hatten wir noch keine Tänzerinnen und Tänzer vor der Kamera. Dominik hatte stattdessen einige richtig gute handgezeichnete Skizzen mitgebracht, in denen erste Ideen für die späteren Plakatmotive festgehalten waren.

Drei tanzende Menschen sollten durch ein gemeinsames Tuch zusammengehalten werden und zugleich mit ihren Körpern in unterschiedliche Richtungen streben. Das Bild sollte schwerelos wirken. Vor allem sollte der Betrachter möglichst die Orientierung verlieren: Wo ist oben, wo ist unten und in welcher Lage befinden sich die Körper eigentlich im Raum?

Die Idee gefiel mir. Nur musste ich erst einmal herausfinden, wie ich sie fotografisch umsetzen konnte.

Skizze von Dominik zu Füße unterm Tisch

Erst einmal ausprobieren

Nach unserem Treffen habe ich eine Weile über eine mögliche Lösung nachgedacht. Etwa zwei Wochen später traf ich mich mit Sarah zu einem Testshooting im Studio des TanzAreals, in dem das Ensemble auch normalerweise probt.

Für die ersten Versuche montierte ich die Kamera sehr hoch über Sarah und fotografierte senkrecht nach unten. Damit war ein wichtiger Teil der räumlichen Orientierung bereits verschwunden. Der Boden wurde zur Bildfläche.

Aber auch das Licht durfte keine eindeutige Richtung mehr vorgeben. Deshalb legte ich vier Blitzgeräte rund um Sarah auf den Boden und beleuchtete die Szene aus verschiedenen Richtungen. Schatten und Licht sollten möglichst wenig darüber verraten, wo sich in diesem Bild eigentlich oben und unten befinden.

Der Test funktionierte.

Ganz nebenbei wurde das Testshooting zu einem dieser Termine, bei denen ich mich als Fotograf mehr bewege als die Tänzerin: Die Kamera befand sich oben auf der etwa sieben Meter hohen Empore, die vier Blitzgeräte lagen unten auf dem Boden. Also ging es für mich immer wieder von oben nach unten und zurück. Und obwohl es eigentlich nur darum ging, meine Idee für Perspektive und Licht auszuprobieren, entstanden dabei wieder einmal mit der außergewöhnlich ausdrucksstarken Tänzerin Sarah einige ganz besondere Bilder, die weit über reine Testaufnahmen hinausgingen.

Vier Blitze waren noch nicht genug

Mit dem grundsätzlichen Aufbau war die Lösung gefunden. Mit dem Licht war ich allerdings noch nicht ganz zufrieden. Für das eigentliche Shooting mit Sarah Kiesecker, Lisa Neusel und Dominik Höß erhöhte ich deshalb auf sechs Blitzgeräte.

Nun kam außerdem das Tuch hinzu. Es sollte die drei miteinander verbinden und gleichzeitig etwas Gegensätzliches sichtbar machen: Das Tuch hält die Gruppe zusammen, während die drei Körper in unterschiedliche Richtungen davon wegstreben.

Damit begann für Sarah, Lisa und Dominik der entscheidende Teil des Shootings. Sie mussten die Idee nicht einfach in einer vorgegebenen Pose darstellen, sondern entwickelten sie improvisierend vor der Kamera. Sie spielten mit unterschiedlichen Bewegungs- und Kraftrichtungen, mit Zug und Gegenzug, Körperspannung und dem gemeinsamen Tuch. Jeder Körper strebte in eine andere Richtung und trotzdem mussten die drei als zusammengehörende Form funktionieren.

Das verlangte einiges an Körpergefühl und Abstimmung. Eine Bewegung konnte für sich allein interessant sein und trotzdem im Zusammenspiel der drei nicht funktionieren. Immer wieder entstanden deshalb neue Konstellationen: Wie weit kann sich ein Körper entfernen? Wo braucht es Spannung? Wie reagieren die anderen darauf? Und wie verändert das Tuch die gemeinsame Form?

Gerade diese Improvisationen waren für die fertigen Bilder entscheidend. Das Tuch wurde dabei nicht einfach zur Requisite, sondern zum sichtbaren Bindeglied zwischen den Bewegungen der drei Tanzenden.

Andrea, Sarahs Mutter und selbst Tänzerin, unterstützte uns beim Shooting und half dabei, das Tuch immer wieder passend um die drei zu drapieren.

So mussten am Ende viele Dinge gleichzeitig zusammenpassen: die Bewegungen und Körperspannung von Sarah, Lisa und Dominik, ihre unterschiedlichen Kraftrichtungen, das verbindende Tuch, mein Bildausschnitt von oben und schließlich die Beleuchtung, die dem Betrachter möglichst wenige Hinweise auf die tatsächliche räumliche Situation geben sollte.

Derselbe Raum, eine völlig andere Welt

Besonders interessant finde ich bei diesem Shooting den Vergleich mit dem Raum ohne Blitzlicht. Eigentlich befinden sich die drei einfach in einem Tanzstudio mit einem grauen Tanzboden.

Erst durch die sechs Blitzgeräte verändert sich die Wirkung des Raumes vollständig. Der vorhandene Raum tritt zurück und aus dem grauen Boden wird eine abstrakte Fläche. Zusammen mit dem Blick senkrecht von oben und den Bewegungen der drei entsteht eine Szene, in der die gewohnte räumliche Orientierung zunehmend verloren geht.

Für die fertigen Aufnahmen habe ich zusätzlich mit Farbfiltern vor den Blitzgeräten gearbeitet. Dadurch entstanden aus demselben Aufbau zwei sehr unterschiedliche Lichtstimmungen: eine Variante ohne Farbfilter und eine zweite, bei der das farbige Licht dem Motiv einen ganz anderen Charakter gibt.

Von der Skizze zum Plakat

Am Anfang standen ein Treffen im Biergarten und ein paar handgezeichnete Skizzen. Danach kamen Überlegungen, ein Testshooting, einige Kilometer zwischen Empore und Studioboden, zwei zusätzliche Blitzgeräte und schließlich das gemeinsame Shooting.

Aber die technische Lösung allein hätte das Bild nicht ergeben. Erst Sarah, Lisa und Dominik machten aus der ursprünglichen Skizze durch ihre Improvisationen, ihre Körperspannung und ihr Zusammenspiel eine Bewegung, die im Foto funktioniert.

Am Ende entstanden so die Motive, die für die Plakate zu den Vorstellungen von „Füße unterm Tisch“ verwendet wurden.

Plakate zu "Füße unterm Tisch"

Generalprobe am 4. September 2024 im Tollhaus

Mit dem Plakat war die Geschichte für mich allerdings noch nicht zu Ende. Ich hatte das Glück, auch die sehr ergreifende Generalprobe von „Füße unterm Tisch“ im Tollhaus fotografieren zu können.

Auf der Bühne standen nun nicht nur Sarah Kiesecker, Dominik Höß und Lisa Neusel, die ich bereits für das Plakat fotografiert hatte. Gemeinsam mit einem 13-köpfigen weiblichen Ensemble erzählten sie mit den Mitteln des zeitgenössischen Tanzes von Familie und Gemeinschaft, aber auch von Macht, Zurückhaltung und Einsamkeit.

Das Stück hat mich auf mehreren Ebenen bewegt: durch seinen Inhalt, die sehr unterschiedlichen choreografischen Elemente und den gekonnten Einsatz von Licht und Projektionen. Für mich als Fotograf bot die Generalprobe dadurch eine große Vielfalt an Situationen und Stimmungen, die sich deutlich von den zuvor sorgfältig geplanten Plakatbildern unterschied.

Galerie, Generalprobe im Tollhaus, Füße unterm Tisch, Kiesecker | Hoess