„Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho „Ephemerus“  von Ana Isabel Casquilho

Next Wave in Eisenach

Eine Einladung ins Landestheater Eisenach

Gaia Zanirato kannte ich schon vorher. Gemeinsam mit anderen Tänzerinnen vom Landestheater Eisenach hatte sie mich in meinem Studio in Karlsruhe besucht. Als sie mich gemeinsam mit Jorge Pérez Martínez, dem neuen Ballettdirektor des Landestheaters, nach Eisenach zu einem besonderen Ballettabend einlud, musste ich daher nicht lange überlegen. Zwei Generalproben von „NEXT WAVE | Masters of Dance | Visionen der Moderne“ standen auf dem Programm und anschließend die Premiere am 21. Februar 2026.

Eisenach kannte ich noch gar nicht. Eine sehenswerte kleine Stadt mit erstaunlich vielen alten, prächtigen Villen, der Wartburg und einem schönen historischen Theater.

Damit begannen für mich ein paar Tage, an denen ich „Next Wave“ auf ganz unterschiedliche Weise erleben konnte: zunächst zweimal durch die Kamera und bei der Premiere schließlich einmal ganz ohne Kamera.

„Chairman Dances“ von Lucinda Childs „Chairman Dances“ von Lucinda Childs

„Chairman Dances“ von Lucinda Childs „Chairman Dances“ von Lucinda Childs

„Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez „Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez

Vier Stücke und vier völlig verschiedene Bildwelten

Zu sehen bekam ich „Next Wave“, eine Inszenierung, mit der Jorge Pérez Martínez und das Ensemble des Landestheaters mich sehr beeindruckt und begeistert haben. Und nach der Reaktion des Publikums bei der Premiere hatte ich den Eindruck, dass dieser Abend auch für Eisenach etwas Besonderes war.

Eine Tanzinszenierung im Theater zu fotografieren, ist immer eine besondere Herausforderung. Fotos können die Erinnerung an ein Stück wachhalten und damit etwas von der Vergänglichkeit des Tanzes bewahren. Als Fotograf trägt man dadurch fast so etwas wie Verantwortung dafür, was von einer Aufführung später in Erinnerung bleibt.

Eine gute Inszenierung ist aber sehr viel mehr als die Aneinanderreihung tänzerischer Höhepunkte. Für die Fotos reicht es deshalb nicht, nur spektakuläre Sprünge, Hebungen oder Solisten zu erwischen. Ebenso wichtig sind für mich der Flow, die Beziehungen und Emotionen auf der Bühne und die Stimmung, die ein Stück trägt.

Natürlich muss ich die Solisten im Auge beziehungsweise im Fokus behalten. Die Kamera darf aber nicht an ihnen „festkleben“. Gleichzeitig muss ich das übrige Geschehen auf der Bühne beobachten und erkennen, wenn sich der Schwerpunkt einer Choreografie plötzlich in einen anderen Bühnenbereich oder zu anderen Personen verlagert.

Gerade bei unbekannten Choreografien braucht das viel Aufmerksamkeit und auch ein gewisses Maß an Antizipation. In Eisenach hatte ich das besondere Glück, zwei Generalproben an zwei aufeinanderfolgenden Tagen fotografieren zu dürfen. Dadurch bekam ich bei den Stücken eine zweite Chance und bei einem davon sogar zwei unterschiedliche Besetzungen vor die Kamera.

„Chairman Dances“ von Lucinda Childs

„Next Wave“ besteht aus vier Choreografien, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Den Anfang macht „Chairman Dances“ von Lucinda Childs. Die Bewegungen wirken auf den ersten Blick klar und reduziert, gleichzeitig passiert auf der Bühne unglaublich viel. Kleine und große Gruppen entstehen, lösen sich wieder auf, Bewegungsmuster wiederholen und verändern sich. Das tragende Duo war in immer wieder anderen Posen sehr spannend. Aber wenn das ganze Ensemble auf der Bühne war, passierten auf verschiedenen Teilen der Bühne scheinbar widersprüchliche Bewegungen, so dass ich fotografisch sehr gefordert war. Durch die Kamera sieht man schließlich immer nur einen Ausschnitt, während an einer anderen Stelle der Bühne längst etwas anderes passiert. Genau deshalb war ich froh, dieses Stück ein zweites Mal fotografieren zu können.

Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez

Danach wird es mit „Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez viel konzentrierter. Zwei Menschen, Partnerarbeit, Hebungen und Nähe. Die Choreografie entstand als Uraufführung für „Next Wave“ und wird zu „Violin Concerto No. 1, Esoconcerto“ von Ezio Bosso getanzt. Sie beschäftigt sich mit unterschiedlichen Momenten einer Beziehung. Das Stück lebte von der Nähe und den schauspielerisch gekonnt dargestellten Emotionen zwischen den beiden Tanzenden. 

Nach der großen Bewegung auf der ganzen Bühne im ersten Stück war das auch fotografisch eine völlig andere Aufgabe. Jetzt konnte ich mich in Ruhe auf die beiden Tänzer konzentrieren.

„Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho

„The Hunt“ von Robert Battle (Tänzerinnen) „The Hunt“ von Robert Battle (Tänzerinnen)

„The Hunt“ von Robert Battle (Tänzer) „The Hunt“ von Robert Battle (Tänzer)

„Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho

Mit „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho verändert sich der Abend erneut.In der Vielfalt dieses Stückes bilden sich immer wieder neue Gruppen, lösen sich auf und entstehen an anderer Stelle neu. Vieles fließt ineinander, dazwischen gibt es kurze Solomomente und emotional starke Duette. Gerade diese ständig wechselnden Formationen waren für mich fotografisch spannend. Das Stück war stellenweise sehr schnell und nutzte die ganze Bühne. Dazu kam eine passende, teilweise stark fokussierte Ausleuchtung.

„The Hunt“ von Robert Battle

Und dann kommt „The Hunt“ von Robert Battle.

Spätestens da versteht man, warum „The Hunt“ am Ende des Abends steht. Zu den harten Percussion-Klängen von Les Tambours du Bronx wird getanzt, gesprungen und mit unglaublicher Kraft und Energie über die Bühne gegangen. Die Choreografie ist körperlich extrem fordernd und bringt die Tänzerinnen und Tänzer an ihre Grenzen.

Für mich kam noch etwas Besonderes dazu. Robert Battle hatte „The Hunt“ ursprünglich für sechs Männer geschaffen. Für die Eisenacher Produktion gibt es zwei Besetzungen: einmal sechs Männer und einmal sechs Frauen.

Bei einer Generalprobe fotografierte ich die Männer, bei der anderen die Frauen. Exakt dieselbe Choreografie und trotzdem zwei ganz unterschiedliche Wirkungen. Bei den Männern blieb mir besonders die enorme körperliche Kraft in Erinnerung. Bei den Frauen sorgten zusätzlich die langen Haare in den schnellen Bewegungen für eine ganz andere Dynamik in den Bildern. Durch die immer wieder weit fliegenden Haare schienen manche Bewegungen kaum zu enden. Dadurch wirkte die Choreografie auf mich bei den Frauen visuell fast noch kraftvoller.

Obwohl die Bewegungen dieselben waren, wirkten die beiden Besetzungen auf mich sehr unterschiedlich. Kaum möglich zu sagen, welche mir besser gefiel. Eine clevere Idee, das Stück in diesen beiden Besetzungen einzustudieren.

Das war natürlich ein Geschenk für einen Fotografen. Normalerweise bekommt man bei einer unbekannten Choreografie genau eine Chance. Hier konnte ich erleben, wie stark sich die optische Wirkung verändert, obwohl die Bewegungen dieselben bleiben.

Und „The Hunt“ musste für mich wirklich das letzte Stück des Abends sein. Danach waren nicht nur die Tänzerinnen und Tänzer ziemlich fertig.

„Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho „Ephemerus“ von Ana Isabel Casquilho

Next Wave, Ensemble Next Wave, Ensemble

Und dann einmal ohne Kamera

Zwei Generalproben fotografieren zu können, war ungewöhnlicher Luxus. Beim ersten Mal versucht man zunächst herauszufinden, was überhaupt passiert. Beim zweiten Mal weiß man mehr: Wo entsteht gleich eine interessante Formation? Wann kommt ein Sprung? Wo sollte ich besser nicht zu eng fotografieren, weil gleich an einer anderen Stelle etwas Entscheidendes passiert?

Bei der Premiere konnte ich den Abend dann noch einmal ohne Kamera vor dem Auge erleben und dabei auch sehen, welche Szenen ich trotz der beiden Generalproben verpasst hatte. Merkwürdigerweise freue ich mich über solche Momente sogar ein wenig. Sie zeigen mir, dass es in den Stücken immer noch etwas Neues zu entdecken gibt. Und sich darüber zu ärgern, dass man etwas nicht fotografiert hat, hilft ohnehin nicht.

Gerade das erste Stück, das mich beim Fotografieren immer wieder ziemlich verwirrt hatte, erschloss sich mir bei der Premiere ohne Kamera noch einmal ganz anders. Plötzlich musste ich nicht mehr ständig entscheiden, welchen Ausschnitt ich festhalten wollte. Ich konnte einfach die ganze Bühne sehen und vieles erkennen, was mir vorher entgangen war.

Vielleicht ist das einer der merkwürdigen Widersprüche der Tanzfotografie. Man ist sehr nah an einer Aufführung und beobachtet sie unglaublich konzentriert. Gleichzeitig sieht man sie durch die Kamera manchmal deutlich weniger als jemand, der im Publikum sitzt.

Auch abseits der Bühne hat sich der Ausflug gelohnt. Das Ensemble war ein tolles Team, es gab viele gute Gespräche, neue Bekanntschaften und auch ein unerwartetes Wiedersehen. Mit Ballettmeisterin Verónica Villar Galaz traf ich jemanden wieder, den ich noch aus ihrer Zeit beim Staatsballett Karlsruhe kannte. Heute ist sie Ballettmeisterin und Probenleiterin am Landestheater Eisenach.

Nach drei Abenden, vier Choreografien, vielen beeindruckenden Erinnerungen und ziemlich vielen Bildern war ich jedenfalls sehr froh, nach Eisenach gefahren zu sein. Sicher nicht zum letzten Mal.

„Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez „Concerto for 2“ von Jorge Pérez Martínez

Ein paar persönliche Worte, vielleicht von Jorge Pérez Martínez, Verónica Villar Galaz oder von Gaia Zanirato

Hier noch eine kleine Option für euch, vielleicht für Jorge Pérez Martínez, Verónica Villar Galaz, Gaia Zanirato oder jemand anderen aus dem Ensemble:

Wenn jemand von euch Lust hat, würde ich mich noch über ein paar persönliche Worte freuen: Welche Rolle spielt Fotografie für euch im Tanz, und was bedeuten euch Fotos von Vorstellungen? Ein paar Sätze reichen völlig.

Ich würde sie gerne als kleine Ergänzung in die Story aufnehmen.

Und ich freue mich ohnehin schon auf die nächste Begegnung in Eisenach.