Abgehoben in Bruchsal

Bruchsal einmal anders

2013 sollte im Alten Schlachthof Bruchsal eine neue Kunst- und Kulturgaststätte entstehen. Den damaligen Pächter kannte ich bereits aus Karlsruhe. Er kannte meine Ausstellung „Gegenbesuch“ und fragte mich, ob ich mir für den Schlachthof eine Ausstellung vorstellen könnte.

Seine Idee klang zunächst einfach: Bruchsal einmal anders fotografieren.

Eine wichtige Rolle spielte dabei von Anfang an Jessica Matthias. Ich kannte sie von der „Langen Nacht der kurzen Stücke“ in Karlsruhe. Für „Abgehoben“ wurde sie auf der tänzerischen Seite meine wichtigste Ansprechpartnerin. Gemeinsam haben wir überlegt, wer zu dem Projekt passen könnte und welche Ideen sich mit Tänzerinnen, Tänzern und Akrobaten umsetzen ließen.

Bruchsal selbst kannte ich damals nicht besonders gut. Also begann ich erst einmal damit, mir die Stadt gründlich anzusehen. Ich lief durch Straßen und Plätze, schaute mir Bildbände und Postkarten an und wusste danach zumindest ziemlich genau, was ich nicht fotografieren wollte.

Die bekannten Ansichten gab es schon oft genug.

Bei meinen Streifzügen entdeckte ich aber viele andere Orte: den Friedrichsplatz, das Sportzentrum, die Justizvollzugsanstalt, den Bahnhofsvorplatz, den Michaelsberg, das Belvedere, eine Unterführung, den Skatepark und schließlich sogar ein Spargelfeld und eine Autobahnraststätte. Das PDF zeigt sehr schön, wie breit diese Ortsauswahl tatsächlich war.    

Irgendwann war klar: Nicht die Stadt allein sollte das Motiv sein. Ich wollte Menschen in diese Orte hineinbringen, die dort eigentlich niemand erwartete.

Wenn die Stadt zur Bühne wird

An vier Tagen war ich schließlich mit Tänzerinnen, Tänzern, Akrobaten und Feuerkünstlern in und um Bruchsal unterwegs.

Die Idee war nicht, sie einfach vor bekannte Gebäude zu stellen. Körper und Umgebung sollten miteinander etwas Neues ergeben. Ein Sportzentrum konnte zur Bühne werden, eine Mauer auf dem Michaelsberg zum Ausgangspunkt für eine akrobatische Bewegung und ein Spargelfeld plötzlich Teil einer Choreografie.

Den Ort suchte ich vorher aus. Was dort genau vor der Kamera geschah, legten wir aber nicht vollständig fest.

Die Bewegungen und Posen kamen wesentlich von den Menschen vor der Kamera selbst. Ich griff ihre Ideen auf, veränderte Blickwinkel oder Licht und manchmal probierten wir eine Bewegung mehrfach in unterschiedlichen Varianten. Wichtig war mir immer, auch dem Zufall etwas Platz zu lassen.

Das Kunstportal Baden-Württemberg beschrieb die Bilder später als Kompositionen aus Mensch, Architektur und Landschaft. Das trifft den Gedanken des Projektes ziemlich genau. 

Friedrichsplatz mit Jessica Matthias

Jessica war an vielen Orten des Projektes dabei. Am Friedrichsplatz trafen ihre Bewegungen auf Brunnen, Fassaden und Skulpturen, also auf eine Umgebung, die mit Tanz zunächst einmal wenig zu tun hatte.

Gerade solche Orte interessierten mich. Nicht eine Tänzerin vor eine schöne Kulisse zu stellen, sondern herauszufinden, was passiert, wenn Bewegung, Architektur und Stadt miteinander reagieren.

Jessica Matthias aus Bad Schönborn, 24 Jahre, Studentin, Tanzlehrerin und Tänzerin in Bruchsal, Wiesloch und Karlsruhe:

Tanz ist die einzige Kunst, in der wir selbst der Stoff sind, aus dem sie gemacht ist“ (L. Schnabel).

Sie existiert in mir nur für den Moment, aber dank Bernd ist dieser festhaltbar.

Jessica Matthias


Schlosspark mit Philip Matthias

Philip Matthias aus Bad Schönborn, 21 Jahre, Sportler und Student:

Der Geophysik-Student fände sich in Bernds Sedimentologie-Labor vielleicht schneller zurecht als vor seiner Kamera, dennoch durfte er ein erfolgreiches erstes Mal und mit viel Spaß abgelichtet werden.

Philip Matthias 


Alter Schlachthof mit Artur Steigerwaldt

Artur Steigerwaldt kam aus dem Breakdance und hatte später in unterschiedlichen Tanzgruppen getanzt. Für ihn war das Bruchsaler Shooting eine neue Erfahrung. 

Artur Steigerwaldt aus Karlsruhe, 25 Jahre, Student des Maschinenbaus:

Das Tanzen entdeckte ich mit 13 Jahren. Was anfangs nur Breakdance war entwickelte sich später in alle Richtungen und führte mich zu Tanzgruppen wie Jazzaret und Addicted.

Das Fotoshooting mit Bernd in Bruchsal war für mich eine neue Erfahrung, die mir großen Spaß gemacht hat und aus der ich viel

mitgenommen habe. Durch das Tanzen habe ich die Möglichkeit meinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen. Es ist das i-Tüpfelchen meines Lebens!

Artur Steigerwaldt

Zwischen Michaelsberg, Sportzentrum und Spargelfeld

Mit Kristin Spiegler entstand eines der Bilder auf dem Michaelsberg in Untergrombach.

Mit Jessica Matthias und Tatjana Brenner fotografierte ich am Sportzentrum in Bruchsal. Jessica und Philip Matthias sowie Artur Steigerwald standen später in einem Spargelfeld bei Schönborn vor meiner Kamera. Diese Namen und Orte sind auch in dem damaligen Beitrag des Kunstportals dokumentiert.  

Gerade solche Orte mochte ich. Ein Spargelfeld ist vermutlich nicht das Erste, was einem bei Tanzfotografie einfällt. Genau deshalb kann es interessant werden.

Die streng angeordneten Reihen, die Landschaft und die Bewegung der Körper ergaben zusammen Bilder, die weder klassische Tanzfotografie noch normale Stadt- oder Landschaftsfotografie waren.

Nachts am Belvedere

Eine ganz andere Aufgabe war das Shooting mit Maja Vasic am Belvedere.

Das Gebäude war nachts praktisch nicht beleuchtet. Also musste das Licht für das Foto erst entstehen. Mehrere per Funk ausgelöste Blitzgeräte beleuchteten das Belvedere mit farbigem Licht, während Maja separat mit ungefärbtem Blitzlicht angestrahlt wurde.  

So konnte ich Architektur und Tänzerin unabhängig voneinander gestalten.

Das fertige Bild wirkt dadurch relativ selbstverständlich. Die Vorbereitung war es nicht.

Gerade solche Bilder zeigen ganz gut, warum bei inszenierter Fotografie manchmal viel mehr Zeit in Planung, Licht und Vorbereitung steckt als in dem Moment, in dem der Auslöser tatsächlich gedrückt wird.

Von den Shootings zur Ausstellung

Im Sommer 2013 wurden die Bilder schließlich unter dem Titel „Abgehoben in Bruchsal“ im Alten Schlachthof gezeigt. Die Ausstellung lief vom 30. Juni bis zum 30. September. 

Zur Vernissage kamen Bewegung und Bilder noch einmal zusammen. Svetlana Wottschel und Kristin Spiegler zeigten Akrobatik, Sebastian Dahmen Feuerkunst und die Band Blackbird sorgte für die Musik. Die Einführung hielt Tom Naumann von der Musik- und Kunstschule. 

Das passte für mich ziemlich gut zu der Ausstellung. Die Menschen, die auf den Bildern zu sehen waren, blieben nicht einfach nur Motive an der Wand. Einige von ihnen standen bei der Eröffnung wieder selbst im Mittelpunkt.

Und obwohl die Ausstellung schon viele Bilder zeigte, war laut BNN nur ein Teil der entstandenen Serie überhaupt zu sehen. 


Viele Menschen für ein gemeinsames Projekt

An den vier Tagen waren sehr unterschiedliche Menschen beteiligt. In meinen damaligen Unterlagen und auf der heutigen Galerie finden sich unter anderem Norma Magalhaes, Jessica Matthias, Philip Matthias, Kristin Spiegler, Tatjana Brenner, Artur Steigerwald, Marion Janine Preiß sowie  Maja Vasic.